Der Mensch - Saudade und Fado

 
Vita
Hier bin ich zu Hause   Saudade und Fado


Das Wort Saudade, das zuerst in der portugiesischen-galizischen Sprache im Nordwesten der iberischen Halbinsel auftaucht, leitet sich vom lateinischen „solus“ her. Das Alleinsein, die Einsamkeit und jede mögliche daraus entspringende Sehnsucht ist der Kern seiner Bedeutung. Es ist nicht so, das Saudade anderen Völkern fremd wäre – als Zugabe oder Beigabe, in wechselnden Dosen, können wir sie überall finden. In Portugal jedoch tritt sie in einer Konzentration auf, die unseren portugiesischen Charakter zu beherrschen und bestimmen scheint.

Die innere Unruhe, die Passivität, der Pessimismus der Saudade hängen wohl mit unserer Mischung verschiedener völkischer Temperamente zusammen: Der Kombination des Lyrisch-Träumerischen, das man den keltischen Wurzeln zuschreibt, mit dem so genannten Faustischen germanischer Herkunft und dem vom Orientalischen her aufgenommenen Fatalismus.

Für manche ist die Saudade ein lyrisch verströmendes Gefühl ganz persönlichen Inhalts, für andere wie eine dauernde Sehnsucht nach der exotischen Ferne, gewollt unheilbar, nach anderen Welten, nach anderen Zeiten, nach einem anderen Leben. Und in der Fremde gilt die gleiche Sehnsucht dem Zurück. Ist man in diesem Gefühl gefangen, dann wird der Weltschmerz gepflegt und Geschichte wie Schicksal als unausweichliches Verhängnis gesehen: Schon der strahlende Morgen ist überschattet von der Gewissheit der kommenden Nacht – Dauerhaft ist nur die Vergänglichkeit.

Wenn diese Melancholie triumphiert, dann ist die Zeit für den Fado gekommen, der seinen Namen von „fatum“, vom Schicksal“, ableitet. Sein Mutterboden sind wahrscheinlich die Lieder portugiesischer Seefahrer, Rhythmen afrikanischer Sklaven und wohl auch brasilianische Elemente. Erst spät in Portugal aufgetaucht, in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, zuerst vielleicht in Porto und dann in Lissabon, spielt er heute eine führende Rolle unter den portugiesischen Volksliedern. Mit viel poetischen Charme beschäftigt er sich mit allem, was so schön traurig machen kann: Die Unbeständigkeit des Glücks, unerfüllte Sehnsucht, mit Elend, Eifersucht und jeder Art von Liebesleid, mit Vergänglichkeit und Tod.

Ich liebe den Fado und neben Amália Rodrigues gibt es seit Anfang der 1990er Jahre eine Bewegung der Erneuerung und/oder Verjüngung, angeführt von Mísia und inzwischen auch durch Cristina Branco , Mariza sowie Dulce Pontes gibt es ganz wunderbare moderne Interpretationen, die viel Beachtung finden.

Das Quellgebiet der Saudade liegt geografisch im Nordwesten der Halbinsel, zwischen dem Fluss Douro und den Landschaften Minho und Galizien. Genau dort bin ich geboren. Wie anders sollte es also sein, als das auch in meiner Seele die Saudade lebt, jene portugiesische Form der Sehnsucht und Melancholie, die mich z.B. in Stunden der „Fussballtrauer“ einsam und schwermütig dem Fado lauschen und über einem Vinho Verde wehmutsvoll an glorreichere Siege zurück denken lässt. Ich leide, mit jeder Faser meines Körpers, für ein paar Stunden.

Und gibt es eine Kehrseite der Medaille? Im Positiven ist die Saudade aber auch genau jene aktive Kraft mit einer Hartnäckigkeit, der, wie bei den Entdeckungsfahrten meiner Vorfahren, größte Unternehmen gelingen, oder die mich immer wieder treibt, das unmöglich Scheinende zu versuchen. Ein ewig brennendes inneres Feuer, dem ich mich voll Hingabe ergebe! Was ich heute bin, bin ich auch durch sie!