Der Mensch - Hier bin ich zu Hause

 
Vita
Hier bin ich zu Hause   Saudade und Fado


 
Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo wir zuhause sind,
wo es auch sei.

(Hilde Domin)

 

 

Wann fühlt man sich eigentlich „wie daheim“?

Beginnt es wenn man die Sprache lernt oder die Umgebung als „vertraut“ erkennt? Kommt das Gefühl mit den ersten Freunden oder mit den ersten sportlichen Erfolgen? War es der Moment bei der Geburt meiner beiden Kinder Dennis und Jenny oder beim Kauf meines Hauses? Hat es mit meinen mehr als 28 Jahren hier in Deutschland zu tun? War es ein schleichender Prozess oder kam es ganz plötzlich über mich? Wann habe ich mich eigentlich „verwurzelt“? Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht!

Irgendwann gab es ein Gefühl von Zugehörigkeit. Einem Gefühl von einerseits ausgeliefert, aber nicht zwingend hineingeboren sein. Einem von äußern Einflüssen abhängig, aber letztendlich großem Gestaltungsspielraum für meinen eigenen Lebensentwurf. Entscheidend war, dass ich gelernt habe, den Unterschied zwischen unseren „Nationen“ nicht im Vergleich zwischen uns Menschen zu suchen: Anständigkeit, Verlässlichkeit, Pflichtbewusstsein, Ordnungssinn, Loyalität, Mut und Leistungsbereitschaft … klingt das nicht nach alten preußischen Tugenden? Es gibt viele, auch Deutsche, bei denen man diese Wertvor-stellungen schmerzlich vermisst. Ich erlaube mir, nach ihnen zu leben, auch heute und auch als Portugiese.

Je mehr ich in meiner eigenen Biographie nach Bruchstücken suche, die mir Halt geben, desto mehr erkenne ich, wie alles Neue mich verändert hat. Alte Gewohnheiten habe ich bis zu einem gewissen Maß ad acta gelegt, um Platz für neue Verhaltensmuster zu schaffen. Insbesondere mit meiner deutschen Frau Katja, wenn wir Kultur und Gesellschaft kreuzen und ich mich zunächst auch daran reibe, scheinbar Vertrautes auseinander zu nehmen, nur um es neu zusammensetzten, um neue Sichtweisen zu üben, dann erkenne ich genau in diesen Bruchstellen die Ideen und Konzepte, um letztendlich gestärkt daraus hervorzugehen. Von diesem Wandel geprägt und dankbar, eine Methode gefunden zu haben, mich auch in vielen anderen Bereichen mit den unterschiedlichsten Charakteren konstruktiv auseinander zu setzten, gehe ich gerne immer wieder neue Wege.

Eine letzte Frage: Ist „Zuhause“ etwas, wo man unbedingt hin will und „Heimat“ etwas, von der man eher weg ist? Wenn ja, dann bin ich mir sicher: Sobald ich durch das Hoftor unseres Hauses in Heppenheim gehe, spüre, wie die alten Steinmauern die Wärme des Tages zurückstrahlen, höre, wie das Wassers in unserem Teich plätschert, sehe, wie unsere Fische und Vögel mich freudig begrüßen, mein Rasen mir wie immer Sorgen bereitet und ich mit meiner Frau Zeit finde, den Abend zu genießen, weiss ich, dass ich zuhause bin und meiner alten Heimat Portugal ganz nah.